Neue Orte, soziale Kontakte und Angst – warum „mehr machen“ nicht immer hilft

Angst vor sozialen Kontakten und neuen Orten? Erfahre, was dahinterstecken kann und warum „mehr machen“ nicht immer hilft.

Datum:

21.09.2026

KI-Info: Dieser Artikel wurde aus einem Transskript dieser Podcastfolge erstellt.

 

Neue Orte entdecken, soziale Kontakte und Bewegung sind gut für die Psyche.

Was aber, wenn du Angst hast?

Wenn dich schon der Gedanke an die nächste soziale Veranstaltung stresst. Wenn du vor einem Termin nicht nur überlegst, was dort passieren wird, sondern auch: Wo ist der Ort? Wo kann ich parken? Wie komme ich dahin? Und wenn du vielleicht schon die Nacht vorher nicht schlafen kannst, weil du am nächsten Morgen irgendwo sein musst?

Dann hilft dir die Aussage „Du musst einfach mehr rausgehen“ wahrscheinlich nicht besonders viel.

Und genau da möchte ich heute einmal genauer hinschauen.

Text auf gelben grund, Foto von Sara im Profil mit ernstem gesicht

Neue Orte, soziale Kontakte und Bewegung – ja, aber …

Auslöser für diesen Artikel war ein Artikel der Tagesschau, von dem mir mein Mann erzählt hat. Darin ging es unter anderem um Homeoffice und darum, dass neue Orte, soziale Kontakte und Bewegung sich positiv auf die Psyche auswirken können.

In der beschriebenen Studie wurde unter anderem untersucht, wie vielfältig die Orte waren, an denen sich Menschen in ihrem Alltag aufhielten. Dafür wurden Menschen mit GPS verfolgt und es wurde ein Zusammenhang mit verschiedenen Hirnregionen festgestellt: unter anderem mit Regionen, die für räumliche Orientierung, Neuheit und Belohnungsverarbeitung zuständig sind.

Kurz gesagt: Je vielfältiger die Orte waren, die eine Person an einem Tag durchlaufen hat, desto besser war ihre positive Stimmung.

Und ja: Das klingt erst einmal nachvollziehbar.

Wenn ich heute einen anderen Weg zur Arbeit nehme, in meinem Stadtteil einen neuen Spazierweg entdecke, mich mit Menschen treffe und mich bewege, kann das etwas in mir auslösen. Es kann schön sein. Es kann mich nähren. Es kann mich glücklich machen.

Ich kenne das heute auch von mir.

Aber ich kenne eben auch die andere Seite.

 

 

Was, wenn du Angst hast?

Ich musste bei dieser Aussage sofort daran denken, wie es früher bei mir war.

Damals hätte ich nicht einfach gedacht: „Ach schön, dann entdecke ich heute mal einen neuen Ort.“

Ich war jeden Tag angespannt und aufgeregt. Ich konnte teilweise nicht einmal meine Nachbarin ansprechen. Manchmal bin ich sogar zur Seite gegangen, weil ich gerade nicht „Hallo“ sagen konnte.

Heute ist das anders.

Heute würde ich sagen: Ja, soziale Kontakte, Bewegung und neue Orte können mich nähren. Ich kann das genießen. Ich kann merken: Das ist schön.

Aber ich bin auch auf einem emotionalen Heilungsweg.

Und genau das möchte ich an dieser Stelle hinterfragen:

Was ist, wenn die Grundvoraussetzung dafür gar nicht da ist?

Was ist, wenn dein innerer Zustand es dir überhaupt nicht ermöglicht, diese positiven Dinge anzunehmen?

Dann kann die Aufforderung „Geh doch mal einen anderen Weg“ schnell zu einem weiteren Punkt auf deiner Liste werden.

Und plötzlich denkst du:

„Oh Gott, ich muss jetzt auch noch etwas für meine Psyche tun.“

„Ich bin so aufgeregt“ – wenn Angst nicht wie Panik aussieht

Ich kenne die Angst eigentlich mein ganzes Leben.

Nur war mir lange gar nicht bewusst, dass es Angst ist.

Was ich immer kannte, war dieser Satz:

„Ich bin so aufgeregt.“

Schon als Kind.

Zum Beispiel bei einer Kindergeburtstagseinladung. Eigentlich war da Freude. Aber gleichzeitig war da diese Aufregung:

Wer ist da noch?

Ist jemand dabei, den ich nicht kenne?

Später wurde es bei anderen Dingen ähnlich.

Ich brauche einen Orthopäden-Termin und muss dafür in eine Stadt fahren, in der ich noch nie war.

Wo muss ich hin?

Wie komme ich dahin?

Wo kann ich parken?

Als es noch keine Navis gab, habe ich solche Dinge teilweise einfach nicht gemacht.

Auch soziale Kontakte waren für mich oft mit sehr viel Anspannung verbunden.

Wenn ich mit Menschen gesprochen hatte, ging danach die Verarbeitung im Kopf los:

War das gut?

Was habe ich da gesagt?

Fand die andere Person das vielleicht blöd?

Habe ich etwas Falsches gesagt?

Das war nicht dieses lockere Gefühl von: „Ich gehe unter Menschen und das tut mir gut.“

Es war anstrengend.

Neue Orte entdecken? Für mich lange eher ein „Oh Gott, ich muss“

Neue Orte waren sowieso nicht mein Ding.

Wenn ich in den Urlaub fahren sollte, war das nicht unbedingt:

„Oh schön, wir fahren in den Urlaub!“

Es war eher:

„Oh Gott, ich muss.“

Ich muss auf Klassenfahrt.

Ich muss in den Urlaub.

Ich muss um diese Uhrzeit am Flughafen sein.

Ich muss im Zug sitzen.

Ich muss vielleicht auf die Autobahn.

Und dann konnte es passieren, dass ich die ganze Nacht vorher nicht geschlafen habe.

Vielleicht kennst du das auch.

Dieses Gefühl, immer ein bisschen „drüber“ zu sein.

Innere Unruhe.

Grübeln.

„Nein, lieber nicht.“

Ein Nervensystem, das hochgefahren ist.

Und ich möchte dabei einen Punkt deutlich machen: Das Nervensystem reagiert. Es ist eine Reaktion – nicht einfach die Ursache von allem.

Denn wenn du nur auf die Reaktion schaust, kann schnell die Idee entstehen:

„Ich muss mein Nervensystem regulieren.“

Und dann kommt die nächste Aufgabe dazu.

Du bist nicht nur dein Gehirn und nicht nur dein Nervensystem

Natürlich passiert sehr viel im Gehirn.

Natürlich hat dein Nervensystem reagiert.

Das alles ist wichtig und gut erforscht.

Aber du bist mehr als dein Gehirn.

Du bist ein ganzer Mensch.

Und du hast auch eine emotionale Ebene.

Manchmal funktioniert es auf einer oberflächlichen Ebene, wenn du dir sagst:

„Ich muss anders denken.“

Denn Gedanken können Emotionen beeinflussen.

Aber wenn du tiefer schaust, merkst du vielleicht: Da ist noch etwas anderes.

Da gibt es Gefühle, die nicht einfach verschwinden, nur weil du dir einen anderen Gedanken überlegst.

Und genau hier wird es für mich spannend.

Was steckt wirklich hinter der Angst?

Wenn du in einer sozialen Situation sitzt und dich nicht traust, etwas zu sagen, dann könntest du dir natürlich vornehmen:

„Beim nächsten Mal sage ich einfach etwas.“

Das habe ich selbst gemacht.

Zu Beginn meiner Tanzausbildung kam ich in eine neue Klasse. Ich kannte dort niemanden und war sehr ängstlich.

Ich habe mir morgens ganz konkret vorgenommen:

Wenn ich vor dem Unterricht neben dieser Person stehe, dann stelle ich diese Frage.

Dann erzähle ich vielleicht das.

Und genau das habe ich gemacht.

Ich habe mich sozusagen dazu gebracht, in Kontakt zu gehen.

Aber irgendwann kommt die entscheidende Frage:

Warum ist das eigentlich so?

Warum bin ich schon so angespannt?

Warum kann ich nicht einfach zu einem neuen Menschen hingehen und „Hallo“ sagen?

Warum fühlt es sich so an, als wären alle anderen locker und toll und ich irgendwie nicht?

Warum macht mir das so viel Angst?

Diese Fragen finde ich viel wichtiger, als einfach nur zu überlegen, was ich noch alles tun kann.

Was haben wir in unserer Kindheit verinnerlicht?

Wir haben in unserer Kindheit ganz viel verinnerlicht.

Und ich sage ganz bewusst verinnerlicht und nicht einfach „gelernt“.

Denn es geht um etwas, das sehr tief in uns sitzt.

Unser Körper entwickelt ein Schutzsystem. Wir sind auf Überleben ausgerichtet. Und als Kind haben wir eine unglaubliche Fähigkeit zur Anpassung.

Wir haben diese Umgebung.

Wir haben diese Menschen.

Und wir passen uns daran an.

Ob wir wollen oder nicht.

Wenn ein Kind beispielsweise verinnerlicht:

„Ich muss aufpassen, wie ich bin.“

„Sonst werde ich abgelehnt.“

„Sonst werde ich verletzt.“

„Sonst werde ich kritisiert.“

dann kann dieses Schutzsystem auch später noch bestimmen, wie wir reagieren und wie wir uns fühlen.

Und das passiert häufig unbewusst.

Vielleicht sagst du heute:

„Meine Kindheit? Ach Quatsch, bei mir war doch alles gut.“

Und trotzdem kann etwas in dir verinnerlicht haben:

So wie ich bin, bin ich nicht ganz angenommen.

Ich bin nicht sicher, wenn ich ganz locker ich selbst bin.

Ich bekomme nicht das, was ich brauche.

Das sind sehr frühe emotionale Erfahrungen.

Und genau dahin zu schauen, kann unglaublich wichtig sein.

Warum soziale Kontakte dann nicht automatisch guttun

Wenn du diese innere Grundanspannung kennst, kann ein sozialer Kontakt eben ganz anders wirken.

Da sitzt du vielleicht mit mehreren Menschen zusammen.

Alle unterhalten sich.

Alle wirken locker.

Und du merkst:

Ich kann mich gar nicht beteiligen.

Ich traue mich nicht, meine Meinung zu sagen.

Was denken die anderen über mich?

Und dann ist dieser soziale Kontakt nicht automatisch etwas, das deine Stimmung verbessert.

Er ist anstrengend.

Vielleicht merkst du das sogar erst hinterher.

Du kommst nach Hause und bist völlig erschöpft.

Ich kenne dieses Gefühl auch aus meiner Kindheit. Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, war ich fix und fertig.

Es war eine große Anpassungsleistung, die ich dort vollbracht hatte.

Viele Menschen.

Viele Eindrücke.

Und innerlich dieses Gefühl:

Ich muss aufpassen.

Bevor du dich noch mehr optimierst: Schau erst einmal hin

Deshalb möchte ich dich nicht dazu auffordern, jetzt einfach noch mehr zu machen.

Noch mehr Bewegung.

Noch mehr soziale Kontakte.

Noch mehr neue Orte.

Noch einen anderen Arbeitsweg.

Noch ein neues Hobby.

Denn vielleicht ist genau das gerade gar nicht dein erster Schritt.

Vielleicht ist dein erster Schritt ein anderer:

Wie geht es mir eigentlich?

Warum ist das so?

Was passiert in mir, wenn ich unter Menschen bin?

Welche Sorgen und Gedankenkreise tauchen auf?

Und wovor wollen sie mich eigentlich beschützen?

Denn häufig geht es um Verletzungen, die sehr früh in unser Leben gekommen sind.

Wenn du verstehst, warum du so reagierst, kann etwas passieren.

Du kommst dir selbst wieder näher.

Und irgendwann merkst du vielleicht:

„Wow. Heute fand ich es richtig schön, mit den anderen zusammen zu sein.“

Vielleicht waren es sogar mehr als zwei Menschen.

Oder du bist im Urlaub und stellst fest:

„Es war entspannend.“

Nicht aufregend.

Nicht anstrengend.

Sondern entspannend.

Und genau da verändert sich etwas.

Der erste Schritt darf klein sein

Natürlich können soziale Kontakte, Bewegung und neue Orte wertvoll sein.

Aber du musst nicht bei dem anfangen, was theoretisch gut für deine Psyche sein soll.

Du darfst dich erst einmal dort abholen, wo du gerade stehst.

Dahin zu schauen ist ein Weg.

Und der geht nicht mal eben so.

Aber ich möchte dich trotzdem immer wieder einladen, den ersten Schritt zu gehen.

Denn jeder Schritt kann wertvoll sein.

Vielleicht stellst du dir heute einfach einmal die Frage:

Wie geht es mir eigentlich – und worum geht es wirklich?

Vielleicht möchtest du nicht mehr vor jedem Termin die ganze Nacht wach liegen, weil so viel Angst und Aufregung in dir ist.

Vielleicht möchtest du dich endlich einmal in einem sozialen Kontakt gut fühlen.

Dann musst du dich nicht dafür verurteilen, dass es bisher nicht so war.

Vielleicht gibt es einen Grund dafür.

Und vielleicht ist es an der Zeit, diesen Grund ein Stück weit kennenzulernen.

Wenn du dabei Unterstützung möchtest, darfst du dir therapeutische Begleitung suchen.

Und wenn du eine Frage zu dem Thema hast, kannst du mir gerne schreiben.

Ich begleite Menschen dabei, genauer hinzuschauen – nicht nur den Kopf anzuschalten, sondern auch die Emotionen mit einzubeziehen.

Deine Sara

 

Leben statt Durchhalten!

Über Sara Theile

Sara Theile ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hilft Menschen, die mit ihren chronischen Schmerzen und Migräne schon alles versucht haben durch körperorientierte Emotionsarbeit mit dem inneren Kind einen neuen Umgang mit den Symptomen zu erlernen, um wieder Kraft für die schönen Dinge des Lebens zu haben. Sara teilt ihre Mission den Zusammenhang zwischen frühen Erfahrungen und emotionalen Verletzungen und chronischen Schmerzen bewusst zu machen. Mehr über Sara findest du auf der ÜBER MICH-Seite im Menü.

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