Ist Erziehung Gewalt? Wie Entwicklungstrauma entsteht

"Erziehung ist Gewalt", sagt Ruth Abraham - "Deshalb sind wir heute in Therapie", sage ich.

In diesem Artikel erfährst du, warum Erziehung als Gewalt verstanden werden kann, wie Entwicklungstrauma entsteht und warum echte Beziehung der Schlüssel zur Heilung ist.

Datum:

20.02.2026

von Sara Theile, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Bindungsberaterin

„Erziehung ist Gewalt“, sagt Ruth Abraham von Der Kompass. Und ich erlebe in meiner Praxis täglich die Folgen davon. Viele meiner Klientinnen kommen mit Symptomen von Entwicklungstrauma, Bindungsverletzungen oder quälenden Glaubenssätzen und stellen irgendwann fest: Der Hund liegt in ihrer Kindheit begraben.

Was wäre, wenn Erziehung nicht neutral ist, sondern eine Form von Machtausübung? Und was bedeutet das für unsere psychische Gesundheit heute?

In diesem Artikel erfährst du, warum Erziehung als Gewalt verstanden werden kann, wie Entwicklungstrauma entsteht und warum echte Beziehung der Schlüssel zur Heilung ist.

Sara zeigt das Buch Erziehung war gestern von Ruth Abraham

„Erziehung ist Gewalt“, sagt Ruth – „Deshalb sind wir heute in Therapie“, sage ich.

Allen, die ihre Entwicklungstrauma und Bindungsverletzungen oder auch nur ihre sogenannten Glaubenssätze auflösen wollen, empfehle ich das Buch „Erziehung war gestern – Die radikale Kehrtwende für Eltern, bei der alle gewinnen“ von Ruth Abraham.

Die Haltung in diesem Buch hätten wir als Kind gebraucht und deshalb finde ich es so wichtig, dieses Buch zu lesen, auch wenn du gar keine Kinder hast oder sie schon erwachsen sind.

Können wir Erziehung als Gewalt benennen?

Ruth Abraham tut es und da ist zunächst Widerstand. Ruth schreibt: „Sobald wir gewaltvolle und schädliche Strukturen benennen, kommt Widerstand von denen, die von diesen Strukturen profitieren.“

Da wir alle erzogen wurden UND unsere Eltern lieben, ist es natürlich schwierig sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Mutig sind all jene, die es trotzdem neugierig tun. Die, deren heutiger Leidensdruck einfach zu groß ist, bleibt keine Wahl. Denn es ist so wichtig zu verstehen, WARUM wir so leiden unter unseren Symptomen – körperlich wie seelisch.

Was ist Entwicklungstrauma?

Entwicklungstrauma entsteht, wenn ein Kind wiederholt emotionale Unsicherheit, Machtmissbrauch oder Bindungsverletzungen erlebt. Es entwickelt Anpassungsstrategien, die im Erwachsenenalter zu Symptomen wie Perfektionismus, Angst, People Pleasing, Beziehungsproblemen oder chronischen Schmerzen führen können.

Kurz: Die frühen Erfahrungen im Entwicklungstrauma verhindern die Entwicklung. Kindern fehlt dann innere Sicherheit, Selbstwert und Vertrauen in Beziehungen.

Warum Erziehung Gewalt ist

Ruths Perspektive auf Erziehung ist nicht die einer Pädagogin oder Mutter, sondern die einer Kulturwissenschaftlerin, die sich mit Machtstrukturen im sozialen Miteinander auseinander setzt.

„Die Grundidee von Erziehung ist, dass das Kind es anders machen soll“, schreibt Ruth. Genau das ist die tiefste Verletzung, die ich mit all meinen Klientinnen ausarbeite. Es tut so weh, zu spüren, wenn ich anders wäre, anders fühlen und denken würde, wäre ich willkommen.

Wenn wir davon ausgehen könnten, was wissenschaftlich längst belegt ist, dann braucht es keine Erziehung. Wir wissen, dass Kinder als soziale Wesen, die in eine Gemeinschaft gehören, zur Welt kommen. Sie können und wollen sich mit anderen verbinden und sind von Natur aus kooperativ.

Erziehung geht jedoch davon aus, dass

  • wir Kindern, etwas beibringen müssen

  • dass wir unsere Macht dafür einsetzen dürfen

  • dass wir komplett anders mit Kindern umgehen dürfen als mit Erwachsenen

  • Kinder ohne Erziehung zu Tyrannen werden, die nur an sich denken, sich nicht benehmen können und nicht selbstständig durchs Leben gehen.

Wenn wir genau hinschauen geht es um Angst. Und diese wurde in der Geschichte der Pädagogik immer wieder befeuert. Das sieht man gut am Beispiel der Schwarzen Pädagogik. Dass Kinder „hören müssen“ und wir dafür Drohungen und Strafen einsetzen können, ist immer noch präsent, wenn auch oft getarnt als „wenn du nicht…, dann…“ -Sätze und roten Karten für unerwünschtes Verhalten.

Wie entsteht Entwicklungstrauma durch Erziehung?

Warum haben unsere Eltern uns erzogen? Natürlich weil sie alles richtig machen wollten. Das Beste fürs Kind. Leider haben sie besonders in der westlichen Gesellschaft dafür einen hohen Preis gezahlt. Sie wurden weggebracht von ihrer Intuition und dem Vertrauen in die Entwicklung des Kindes.

Wenn ich heute meine Klientinnen begleite tat das besonders weh:

  • Wenn die Eltern Macht ausübten

  • Wenn wir nicht verstanden wurden

  • Wenn sich Mama oder Papa für uns geschämt hat

  • Wenn wir nicht ernst genommen wurden
  • Wenn wir ignoriert wurden
  • Wenn wir die Verantwortung für die Stimmung und Gefühle unserer Eltern übernommen haben

Kurz: wenn wir nicht so sein durften, wie wir waren mit allem, was zum Menschsein dazugehört.

Durch Erziehung wollen wir gezielt Einfluss nehmen auf junge Menschen. Ruth beschreibt in ihrem Buch die gezielte Einflussnahme auf andere Menschen als Manipulation. Und Manipulation ist eine Form von Gewalt. In diesem Sinne ist Erziehung also Gewalt.

Und jede meiner Klientinnen, die zu mir in die Therapie kommen (einschließlich ich selbst) können dieses Grundgefühl bestätigen: „Immer soll ich anders sein.“ Das mussten wir in der Kindheit verinnerlichen. Daran arbeiten wir uns bis heute ab.

Warum Macht in der Kindheit prägend wirkt

Als Eltern sind wir mächtig. Wir haben die Macht über Kinder. Diese Macht ist nicht per se schlecht. Sie ist einfach da. „Macht zwischen Eltern und Kindern ist eine absolut extreme Konstellation, die so nicht noch einmal zwischen Menschen vorkommt.“, schreibt Ruth Abraham.

Diese Macht erlaubt es uns für das Überleben des Kindes zu sorgen. Das Kind wiederum ist mit dem Bindungsinstinkt darauf ausgerichtet bei den Bezugspersonen zu bleiben – und zwar um jeden Preis. Als Kind kann ich nicht sagen: „So wie du mit mir umgehst, lässt mich wertlos fühlen. Ich bin aber wertvoll und suche mir jetzt Menschen, die das sehen können.“

Wie meine nahen Bezugspersonen mit mir umgehen wird zu meinem „Normal“.

Meine Klientin Betty wurde als Kind stark vernachlässigt und von den älteren Geschwistern regelrecht gequält. Die Eltern haben das ständige Triezen und Verhöhnen, das sie von den Geschwistern erfuhr, nicht beachtet. Noch schlimmer als das Verhalten der Geschwister auszuhalten, war das Alleinsein für Betty.

Das Gefühl Alleinzusein war mit einer absoluten Haltlosigkeit verbunden. In Verbindung zu sein bedeutete für Betty, die Gewalt der Geschwister auszuhalten, denn „dann ist da wenigstens jemand und manchmal sind sie ja auch lieb zu mir.“

In der Therapie kommt dann auch immer wieder der Satz auf: „Ich kenne das ja nicht anders.“

Bettys Beispiel zeigt sehr eindrücklich zu welchem Preis Kinder die Bindung aufrecht erhalten – aufrechterhalten müssen um zu überleben.

Hier ist die Gewalt offensichtlich. So oft aber haben Kinder unsichtbare Gewalt erlebt. Oft geschieht Gewalt subtil und doch verinnerlichen Kinder komplett die Haltung ihrer Bezugspersonen. Und das kommt in den besten Familien vor.

Wenn ich in meinen Kursen mit dem inneren Kritiker arbeite, kommt nicht selten die Rückmeldung: „Oh Gott…das sind genau die Sätze, die meine Mutter immer zu mir gesagt hat.“

Wir wollen es mit unseren Kindern anders machen.

Dafür ist es wichtig sich der eigenen Macht bewusst zu sein. Und das heißt nicht perfekt sein zu müssen. Natürlich machen Eltern Fehler. Natürlich schreien wir unsere Kinder auch mal an und es tut uns hinterher leid. Wichtig ist, dass ich nicht am Verhalten der Kinder meine Reaktionen festmache.

„Wenn du gehört hättest, hätte ich nicht schimpfen müssen“ Nein! So geht es nicht, denn dann habe ich immer noch die Haltung, die sagt: Mein Kind müsste anders sein.

Ruths Buch ist ein Plädoyer dafür, die Haltung und Sichtweise auf den Umgang mit Kindern an einem auszurichten: An der Beziehung.

Die Auswirkung von Beziehungsverletzungen

Die Beziehung ist der Kern. Unsere ersten Beziehungen bauen wir zu unseren Bezugspersonen auf, wenn wir auf die Welt kommen. Durch offensichtliche Gewalt oder durch unsichtbare Gewalt, wie sie in Erziehung und emotionaler Manipulation steckt, wird diese erste Beziehung verletzt.

Dann, wenn jemand hätte da sein müssen und halten tragen und verstehen, entstehen die ersten Anpassungsleistungen. Ein Baby ist sehr flexibel und lernst schnell: So bekomme ich, was ich brauche und so nicht. Das Kleinkind lernt: So muss ich sein und so nicht. Das Schulkind lernt: Wenn ich funktioniere, bekomme ich Lob (gleich Liebe).

Kein Wunder, wenn wir uns seit frühester Kindheit anstrengen gesehen zu werden oder schon verinnerlicht haben: Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen.

Symptome von Entwicklungstrauma im Erwachsenenalter

Das sind Auswirkungen von Beziehungsverletzungen:

  • Perfektionismus und Arbeitssucht: Nur wenn ich etwas leiste, bin ich wertvoll
  • Emotionales Essen: Ich bekomme nicht, was ich brauche
  • Handyspiele und Social Media Konsum: Ich kann mich gar nicht aushalten
  • Angst vor Nähe UND Distanz in der Partnerschaft: Ich brauche meinen Rückzugsraum, kann aber nicht lange allein sein.
  • Angst und innere Anspannung: Ich muss aufpassen!
  • chronische Schmerzen und Migräne: Es ist alles zu viel.
  • People Pleasing: Ich möchte nicht anecken…

Diese Liste ließe sich endlos weiterführen. Auch glaube ich, dass wir aus unserer eigenen Beziehungsverletzung heraus glauben wir müssten erziehen. Wir haben dieses Grundvertrauen einfach nicht, dass unser Kind gut so ist, wie es ist, zu jeder Zeit. Zu schwierig scheint es zu hinterfragen, was wir gesamtgesellschaftlich die ganze Zeit tun – mit uns selbst und leider auch mit unsere Kindern: Optimieren, therapieren und stärken.

Was ist, wenn es das gar nicht braucht?

Heilung von Entwicklungstrauma: Beziehung statt Erziehung

Beziehung und ein bisschen echtes Leben – das ist alles, was es braucht. Wenn wir uns fragen, wie wir in jeder kleinen Situation unsere Beziehung zu unserem Kind an erste Stelle stellen könnten. Wie sicher könnten unsere Kinder sein, dass mit ihnen nichts verkehrt ist?

Ruth schreibt: „Die Abwesenheit von Erziehung eröffnet uns vor allem eines: Die Möglichkeit einander endlich wirklich zu begegnen. Kindern zu begegnen, als die Menschen, die wir sind – mit unseren Unsicherheiten und Fehlern.“

Und dann ist das echte Leben eben einfach da und ich kann zu meinen Kindern sagen: „Ich bin heute total erschöpft und genervt. Ich wollte gar nicht schreien, aber die Wut kam über mich. Es hat nichts mit euch zu tun.“

Beziehung zu dir selbst wieder aufnehmen

Beziehungsverletzung anerkennen. Eigene Verletzungen zu heilen ist das Beste, was du für dich und deine Kinder tun kannst.

Denn nicht nur deine Kind braucht keine Er-ziehung, sondern echte Be-ziehung. Vor allem du selbst und dein eigenes verletztes inneres Kind braucht dich!

Lass uns dabei aufpassen nicht in die nächste Optimierungsfalle zu rutschen: „Ich muss meine Thema komplett wegtherapieren, erst dann kann ich…“

  • eine gute Mutter sein
  • endlich mein Leben leben
  • mich selbst verwirklichen
  • kündigen
  • meine Schmerzen lösen
  • erfolgreich sein

Was ist, wenn es nicht um Ziele geht? Nochmal: Es geht um die Beziehung, die du zu dir aufnehmen kannst. Eine ehrliche, die die Verletzungen sichtbar macht und die endlich versteht, warum es dir so geht, wie es dir geht – mit alle dem Widerstand, der Trauer und der Empörung.

Es gibt immer sinnvolle Gründe für deine Schmerzen und deine seelischen Belastungen auf der emotionalen Ebene. Wie du anfängst, sie zu verstehen, zu spüren und letztendlich mitfühlend mit dir zu sein hat ganz viel mit deiner inneren Haltung zu tun. Dafür ist es notwendig die Machtstrukturen von Erziehung zu verstehen – auch wenn sie unbewusst geschehen. Dafür lies Ruths Buch. Ganz dringend.

Lass uns Leben statt Durchhalten!

Deine Sara

Inhalte dieses Beitrags:

Über Sara Theile

Sara Theile ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hilft Menschen, die mit ihren chronischen Schmerzen und Migräne schon alles versucht haben durch körperorientierte Emotionsarbeit mit dem inneren Kind einen neuen Umgang mit den Symptomen zu erlernen, um wieder Kraft für die schönen Dinge des Lebens zu haben. Sara teilt ihre Mission den Zusammenhang zwischen frühen Erfahrungen und emotionalen Verletzungen und chronischen Schmerzen bewusst zu machen. Mehr über Sara findest du hier: https://saratheile.de/ueber-mich/

0 Kommentare

Schreibe ein Kommentar

Ähnliche Beiträge